Washington erhöht die Zinsen. Moskau redet über 35.000 Dollar Gold. Und der Goldpreis? Der scheint sich immer weniger darum zu kümmern, was er nach alter Lehrmeinung eigentlich tun müsste.
Die amerikanische Federal Reserve hat am 16. September den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent erhöht. Es war die erste Zinserhöhung seit 2023. Gleichzeitig signalisierten die neuen Projektionen der Fed, dass eine weitere Erhöhung noch in diesem Jahr möglich ist. Die Begründung: Die Inflation bleibt hartnäckig.
Für Gold und Silber müsste das eigentlich eine ziemlich ungemütliche Kombination sein.
Höhere Zinsen erhöhen die Konkurrenz durch verzinsliche Anlagen. Steigende Anleiherenditen machen Gold, das selbst keine Zinsen zahlt, relativ unattraktiver. Und ein stärkerer Dollar übt gewöhnlich zusätzlichen Druck auf die Edelmetalle aus.
Genau deshalb reagierten die Märkte zunächst so, wie es im Lehrbuch steht: Der Dollar legte zu, die kurzfristigen US-Renditen stiegen und Gold geriet unter Druck.
Doch dann geschah etwas Bemerkenswertes.
Gold kam zurück. Und Silber ebenfalls.
Am Morgen nach der Zinserhöhung stieg der Goldpreis wieder um rund ein Prozent auf etwa 4.300 Dollar je Feinunze. Silber legte ebenfalls zu. Und das, obwohl die Fed nicht etwa eine schnelle Rückkehr zu niedrigeren Zinsen angekündigt hatte, sondern weitere Straffungen im Raum stehen.
Damit wird aus einer gewöhnlichen Zinssitzung eine wesentlich interessantere Geschichte.
Während Washington die Zinsen erhöht, rollt Moskau Gold den roten Teppich aus
Fast zeitgleich kommt aus Russland eine völlig andere Botschaft.
Der stellvertretende russische Finanzminister Alexej Moisejew spricht öffentlich davon, dass Gold für russische Bürger zunehmend die Rolle übernehmen könne, die früher Dollar und andere Fremdwährungen als langfristige Ersparnis gespielt haben.
Anfang September sagte er beim Östlichen Wirtschaftsforum, er erwarte eine zunehmende Verlagerung konservativer Ersparnisse von ausländischen Währungen hin zu Gold. Wenige Tage später wurde er noch deutlicher: Physisches Gold sei aus seiner Sicht für einen Teil der Ersparnisse eine Alternative zu Dollar und anderen Fremdwährungen.
Das ist bereits bemerkenswert.
Doch eine Zahl sorgte für noch mehr Aufmerksamkeit:
35.000 Dollar je Feinunze Gold.
Moisejew hat diese Zahl nicht als offizielles Kursziel des russischen Finanzministeriums ausgegeben. Er verwies auf eine langfristige Untersuchung russischer Wissenschaftler, nach der Gold über mehrere Jahrzehnte in diese Größenordnung steigen könnte. Dahinter steht ein Szenario, in dem Gold gegenüber dem Dollar wieder eine wesentlich größere Rolle als internationaler Wertmaßstab einnimmt.
35.000 Dollar sind deshalb keine Prognose, auf die man einen Taschenrechner ansetzen und ein Kursziel für 2027 ausrechnen sollte.
Interessant ist etwas anderes:
Ein hochrangiger Vertreter des russischen Finanzministeriums diskutiert öffentlich darüber, ob Gold langfristig Funktionen übernehmen könnte, die heute der Dollar erfüllt.
Und das russische Publikum hört diese Botschaft nicht nur.
Es handelt danach.
Nach Angaben Moisejews haben russische Privatanleger seit 2022 rund 200 Tonnen physisches Gold gekauft. Er beschreibt ausdrücklich eine Verschiebung von Ersparnissen aus Fremdwährungen in physisches Gold.
Zwei Länder, zwei Botschaften
Damit stehen sich derzeit zwei bemerkenswert unterschiedliche Entwicklungen gegenüber.
In Washington lautet die Antwort auf die hartnäckige Inflation:
Geld wird teurer.
In Moskau lautet eine zunehmend öffentlich vertretene Antwort auf langfristige Währungsrisiken:
Gold bekommt eine größere Rolle.
Man sollte daraus keinen künstlichen Zweikampf zwischen Russland und den USA konstruieren. Die wirtschaftlichen Ausgangslagen, Währungen und politischen Interessen unterscheiden sich erheblich.
Trotzdem lohnt sich die Gegenüberstellung.
Denn letztlich geht es auf beiden Seiten um dieselbe Frage:
Was schafft langfristig Vertrauen in Geld?
Die Fed setzt dafür auf ihre Fähigkeit, Inflation über die Geldpolitik zu kontrollieren.
Russland stellt dagegen zunehmend die langfristige Dominanz des Dollars selbst infrage und fördert Gold als Alternative für Ersparnisse.
Und zwischen beiden Positionen steht der Goldmarkt.
Die alte Regel funktioniert noch. Aber wie lange?
Die Reaktion unmittelbar nach der Fed-Entscheidung zeigt, dass der amerikanische Leitzins seine Wirkung keineswegs verloren hat.
Gold fiel.
Der Dollar stieg.
Die Renditen reagierten.
Wer daraus schließt, die Fed habe keinen Einfluss mehr auf Gold, geht zu weit.
Interessanter ist die Geschwindigkeit, mit der Käufer nach dem Rückgang wieder zurückkehrten.
Noch im Juni war gut zu beobachten, wie stark die klassische Beziehung funktionieren kann: Erwartungen steigender US-Zinsen und ein festerer Dollar drückten Gold zeitweise unter 4.000 Dollar.
Jetzt erhöht die Fed tatsächlich die Zinsen und Gold steht am folgenden Morgen wieder um 4.300 Dollar.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob die Fed den Goldpreis noch beeinflussen kann.
Natürlich kann sie das.
Die Frage lautet, ob sie ihn noch dauerhaft dominieren kann.
Will die Fed einen steigenden Goldpreis überhaupt verhindern?
An diesem Punkt beginnt schnell die Diskussion über Manipulation.
Dabei sollte man zwei Dinge voneinander trennen.
Für die Behauptung, die Fed habe ihre aktuelle Zinserhöhung beschlossen, um den Goldpreis zu drücken, gibt es keinen Nachweis. Die Fed begründet ihre Entscheidung mit der weiterhin zu hohen Inflation. Die aktuellen Wirtschaftsdaten und ihre eigenen Projektionen liefern dafür eine nachvollziehbare geldpolitische Begründung.
Die gegenteilige Behauptung, Zentralbanken hätten niemals versucht, den Goldpreis zu beeinflussen, ist historisch allerdings ebenfalls falsch.
Als Zentralbanken tatsächlich gegen einen steigenden Goldpreis vorgingen
1961 gründeten sieben europäische Zentralbanken gemeinsam mit der amerikanischen Federal Reserve den London Gold Pool.
Die beteiligten Zentralbanken bündelten Goldreserven und kauften beziehungsweise verkauften Gold am Londoner Markt.
Das Ziel nennt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich heute ganz offen: Der offizielle Goldpreis sollte verteidigt werden.
Die Interventionen wurden von der Bank of England und der BIS koordiniert. 1968 endete der Gold Pool.
Das beweist überhaupt nichts über den Goldhandel im Jahr 2026.
Es beweist aber etwas anderes:
Die Vorstellung, Staaten und Zentralbanken würden aus prinzipiellen Gründen niemals auf den Goldmarkt einwirken, hält der historischen Realität nicht stand.
Deshalb sollte man weder hinter jeder ungewöhnlichen Kursbewegung eine geheime Intervention vermuten noch jede kritische Frage darüber vorschnell als Verschwörungstheorie abtun.
Die Geschichte erlaubt Fragen.
Für Antworten braucht es Fakten.
Gold ist eben nicht nur ein Rohstoff
Genau hier unterscheidet sich Gold von Kupfer, Öl oder Weizen.
Gold besitzt eine monetäre Geschichte.
Wenn Gold auf 4.000, 4.500 oder irgendwann vielleicht 5.000 Dollar steigt, verändert sich nicht nur der Preis eines Rohstoffes. Ein solcher Anstieg kann auch als Ausdruck veränderter Erwartungen gegenüber Inflation, Staatsverschuldung, Währungen und Geldpolitik verstanden werden.
Deshalb ist die russische Diskussion über Gold so interessant.
Nicht wegen der spektakulären Zahl von 35.000 Dollar.
Sondern weil dort offen über eine Frage gesprochen wird, die im Westen wesentlich seltener gestellt wird:
Welche Rolle könnte Gold spielen, wenn der Dollar langfristig einen Teil seiner Bedeutung als Reserve- und Sparwährung verliert?
Russland hat bei dieser Diskussion selbstverständlich eigene Interessen. Sanktionen und Beschränkungen beim Zugang zu westlichen Währungen haben die Ausgangslage des Landes fundamental verändert. Gerade deshalb wäre es falsch, russische Aussagen einfach als neutrale Marktanalyse zu übernehmen.
Aber ebenso falsch wäre es, die Entwicklung deshalb zu ignorieren.
Und was macht Silber?
Silber sitzt gewissermaßen zwischen den Stühlen.
Auch Silber zahlt keine Zinsen und reagiert deshalb auf Dollar, Renditen und Geldpolitik. Gleichzeitig ist es ein Industriemetall, dessen Preis zusätzlich von industrieller Nachfrage und physischem Angebot abhängt.
Nach der Fed-Entscheidung zeigte sich genau diese Eigenständigkeit erneut. Am Donnerstagmorgen legte Silber rund 1,2 Prozent zu.
Gold und Silber sollten deshalb nicht einfach gleichgesetzt werden.
Aber wenn beide Edelmetalle trotz einer amerikanischen Zinserhöhung Käufer finden, lohnt es sich hinzusehen.
Vielleicht ist 35.000 Dollar gar nicht die wichtigste Zahl
Ob Gold jemals 35.000 Dollar erreicht, weiß heute niemand.
Und für eine seriöse Betrachtung des Goldmarktes ist diese Zahl auch gar nicht notwendig.
Die spannendere Zahl lautet momentan:
3,75 bis 4,00 Prozent.
Das ist der aktuelle Leitzinskorridor der mächtigsten Zentralbank der Welt.
Die Fed erhöht die Zinsen, weil sie die Inflation stärker bekämpfen will. Gleichzeitig erwarten 16 von 18 Fed-Verantwortlichen mindestens eine weitere Erhöhung bis Jahresende.
Und Gold?
Es steht weiterhin oberhalb von 4.000 Dollar und wird nach Rücksetzern wieder gekauft.
Vielleicht erleben wir deshalb gerade keine Geschichte über einen Goldpreis von 35.000 Dollar.
Vielleicht erleben wir etwas viel Grundsätzlicheres:
Die Geldpolitik der Federal Reserve bleibt mächtig. Aber der Goldmarkt scheint zunehmend von Kräften beeinflusst zu werden, die Washington nicht allein kontrolliert.
Persönliche Einschätzung von Guido Makowski
Mich interessiert an dieser Entwicklung weder ein amerikanisches noch ein russisches Narrativ.
Mich interessiert das Verhalten des Marktes.
Wenn die Fed die Zinsen erhöht, der Dollar zunächst steigt und Gold trotzdem kurze Zeit später wieder Käufer findet, sollte man das nicht ignorieren.
Die russische Empfehlung, stärker auf Gold zu setzen, passt in ein größeres Bild. Zentralbanken diversifizieren Reserven, Schwellenländer diskutieren über Alternativen zum Dollar und private Anleger suchen nach Möglichkeiten, Vermögen außerhalb klassischer Währungen zu halten.
Ob daraus irgendwann tatsächlich ein grundlegend anderes Weltwährungssystem entsteht, ist offen.
Die Zahl von 35.000 Dollar halte ich deshalb weniger für eine Prognose als für einen Denkanstoß.
Die wesentlich spannendere Frage lautet für mich:
Was passiert mit Gold, wenn irgendwann nicht mehr Washington allein bestimmt, welche monetären Signale der Goldmarkt ernst nimmt?
Genau diese Entwicklung werde ich weiter beobachten.
Dieser Artikel gibt meine persönliche Einschätzung der aktuellen Marktentwicklung wieder. Er stellt weder eine Kauf- noch eine Verkaufsempfehlung für Gold, Silber oder andere Anlageprodukte dar.
Quellen
Federal Reserve, FOMC und aktuelle Wirtschaftsprojektionen, 16. September 2026.
Reuters, Marktreaktionen auf die Fed-Zinserhöhung, 16./17. September 2026.
Russisches Finanzministerium / Aussagen des stellvertretenden Finanzministers Alexej Moisejew beim Östlichen Wirtschaftsforum und zu privaten Goldersparnissen, September 2026.
RIA Novosti/Prime Gold und russische Wirtschaftsmedien zur Entwicklung privater Goldkäufe und zur langfristigen 35.000-Dollar-Modellrechnung.
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS), historische Dokumentation des London Gold Pool.