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Silber 2027: 64 oder 80 Dollar?

Silber 2027: 64 oder 80 Dollar?

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Zwei große Finanzhäuser beobachten denselben Silbermarkt und kommen für 2027 zu erstaunlich unterschiedlichen Ergebnissen. UBS sieht den Preis im September 2027 bei 80 Dollar. J.P. Morgan erwartet für das Gesamtjahr lediglich 63,90 Dollar im Durchschnitt. Wie kann die Differenz so groß sein?

Bei Preisprognosen lohnt es sich meistens mehr, hinter die Zahl zu schauen als auf die Zahl selbst. Das gilt beim Silber derzeit ganz besonders.

Nach aktuell veröffentlichten Berichten über das UBS-Research erwartet die Schweizer Großbank einen schrittweisen Anstieg: 70 Dollar im Dezember 2026, 75 Dollar im März und Juni 2027 und schließlich 80 Dollar im September 2027.

J.P. Morgan zeichnet ein deutlich anderes Bild. Für das vierte Quartal 2026 werden 63 Dollar erwartet. Für 2027 liegen die Quartalsprognosen zwischen 63 und 65 Dollar, der Jahresdurchschnitt bei 63,90 Dollar.

Auf den ersten Blick stehen damit rund 64 gegen 80 Dollar.

Allerdings werden hier unterschiedliche Bezugsgrößen verglichen: J.P. Morgans 63,90 Dollar sind ein Jahresdurchschnitt, während die 80 Dollar von UBS ein Punktziel für September 2027 darstellen. Ein direkter Vergleich ist deshalb nur eingeschränkt möglich.

Doch selbst wenn man diesen Unterschied berücksichtigt, bleibt die Richtung der beiden Einschätzungen bemerkenswert verschieden. UBS erwartet im Verlauf des kommenden Jahres einen steigenden Silberpreis. J.P. Morgan sieht dagegen bis Ende 2027 lediglich eine Bewegung von 63 auf 65 Dollar.

J.P. Morgan hat seine Meinung drastisch geändert

Noch interessanter als der Vergleich der beiden Banken ist die Entwicklung innerhalb von J.P. Morgan selbst.

Im Mai erwartete das Haus für 2027 durchschnittlich 85,80 Dollar. In der Prognose vom August sind es nur noch 63,90 Dollar.

Das entspricht einer Korrektur von rund 26 Prozent innerhalb weniger Monate.

Für das vierte Quartal 2026 fällt die Veränderung noch deutlicher aus: Aus 90 Dollar wurden 63 Dollar.

Was ist passiert?

J.P. Morgan sieht vor allem die zuvor außergewöhnliche Enge am physischen Silbermarkt schwinden. Gleichzeitig erwartet das Haus eine deutlich geringere Nachfrage aus der Solarindustrie.

Dabei spielt der hohe Silberpreis selbst eine Rolle.

Silber ist für Solarzellen aufgrund seiner hervorragenden elektrischen Leitfähigkeit attraktiv. Wird es jedoch zu teuer, steigt der wirtschaftliche Druck, weniger davon einzusetzen. Hersteller arbeiten deshalb daran, die benötigte Silbermenge je Solarzelle zu reduzieren oder Silber teilweise durch andere Materialien zu ersetzen.

J.P. Morgan geht davon aus, dass die Silbernachfrage der Solarindustrie in diesem Jahr um rund 30 Prozent beziehungsweise etwa 60 Millionen Unzen zurückgehen könnte.

Hinzu kommen nach Einschätzung des Hauses eine schwächere Nachfrage aus Indien und eine Normalisierung der chinesischen Nachfrage nach ungewöhnlich hohen Importen im Frühjahr.

Damit verändert sich die Rechnung erheblich.

UBS sieht ebenfalls Gegenwind – kommt aber zu einem anderen Ergebnis

Interessanterweise ignoriert UBS diese Probleme keineswegs.

Bereits im Frühjahr hatte die Bank ihre Erwartungen für das Angebotsdefizit deutlich reduziert. Als Gründe wurden unter anderem eine schwächere Nachfrage aus Photovoltaik, Schmuck und Silberwaren sowie eine zurückhaltendere Investmentnachfrage genannt.

Trotzdem sieht der aktuell berichtete UBS-Prognosepfad Silber wieder bei 70 Dollar zum Jahresende und anschließend schrittweise bis 80 Dollar im September 2027.

UBS setzt dabei unter anderem auf Unterstützung durch einen hohen Goldpreis und weiterhin relativ enge fundamentale Bedingungen am physischen Silbermarkt.

Damit wird der eigentliche Unterschied sichtbar.

Es geht nicht darum, dass eine Bank die Probleme sieht und die andere nicht. Sie bewerten deren Auswirkungen unterschiedlich.

Der Silberpreis verändert seine eigene Nachfrage

Das ist möglicherweise einer der wichtigsten Punkte für die kommenden Jahre.

Steigende Preise können bei Gold eine völlig andere Wirkung entfalten als bei Silber. Ein großer Teil des Silbers wird industriell verbraucht. Wird der Rohstoff erheblich teurer, beginnen Unternehmen nach Einsparmöglichkeiten und Ersatzstoffen zu suchen.

Auf der Angebotsseite funktioniert dieser Mechanismus allerdings nur eingeschränkt.

Nur ein Teil des Silbers stammt aus Minen, die hauptsächlich Silber fördern. Große Mengen fallen als Nebenprodukt beim Abbau von Kupfer, Blei, Zink oder Gold an. Ein höherer Silberpreis führt deshalb nicht automatisch und kurzfristig zu einer entsprechend höheren Minenproduktion.

Genau daraus entsteht die Unsicherheit.

Sinkt die industrielle Nachfrage schneller als erwartet, kann sich der Markt entspannen. Bleibt sie dagegen trotz Einsparungen hoch und wächst das Angebot nur langsam, kann die physische Bilanz wieder enger werden.

Und dann ist da noch Gold

J.P. Morgan weist selbst auf einen Unterschied hin, der häufig übersehen wird.

Gold wird seit Jahren durch erhebliche Zentralbankkäufe gestützt. Eine vergleichbare strukturelle Nachfrage gibt es bei Silber bislang nicht.

Silber hängt deshalb stärker von Industrie, Investoren und der allgemeinen Entwicklung des Edelmetallmarktes ab.

Ein weiter steigender Goldpreis könnte Silber mitziehen. Gerät Gold dagegen unter Druck, kann Silber aufgrund seines kleineren und volatileren Marktes erheblich stärker reagieren.

Das haben die vergangenen Monate bereits eindrucksvoll gezeigt.

Wer liegt näher an der Realität?

Das lässt sich heute nicht beantworten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Silber 2027 bei 64 oder 80 Dollar stehen wird.

Entscheidend ist, welche Annahmen sich in den kommenden Monaten bestätigen.

Dazu gehören vor allem die tatsächliche Silbernachfrage der Solarindustrie, die Entwicklung der physischen Bestände, ETF-Zu- und -Abflüsse, die Nachfrage aus China und Indien, die Gold-Silber-Ratio sowie Goldpreis und Zinsentwicklung.

Besonders interessant wird sein, ob die erwartete Entspannung am physischen Markt tatsächlich eintritt.

Sollten sich gleichzeitig Lagerbestände verknappen, Investmentnachfrage zurückkehren und Gold weiter steigen, würde das eher für das höhere Szenario sprechen.

Fällt dagegen die industrielle Nachfrage deutlich und bleibt die Investmentnachfrage schwach, bekommt die vorsichtigere Einschätzung von J.P. Morgan mehr Gewicht.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis

Noch im Mai hielt J.P. Morgan einen durchschnittlichen Silberpreis von 85,80 Dollar für 2027 für realistisch. Drei Monate später waren es 63,90 Dollar.

Das zeigt, welchen Stellenwert langfristige Kursziele haben sollten: Sie sind Szenarien, keine Vorhersagen.

Für Anleger dürfte deshalb weniger entscheidend sein, ob UBS oder J.P. Morgan am Ende näher am tatsächlichen Preis liegt.

Viel interessanter ist zu beobachten, welche der zugrunde liegenden Annahmen der Markt nach und nach bestätigt oder widerlegt.

Denn bevor sich eine Prognose von 64 oder 80 Dollar als richtig herausstellt, müssen sich die Veränderungen, die zu diesem Preis führen, irgendwo im Markt zeigen.

Und genau dort lohnt sich der genauere Blick.

Quellen

J.P. Morgan Global Research, The path for silver prices in 2026 and 2027, 13. August 2026.

J.P. Morgan Global Research, What's in store for the silver market in 2026?, Interview mit Gregory Shearer.

Exchange Rates UK Research, Silver Price Prediction: UBS Forecasts $70 in 2026 and $80 in 2027, 8. September 2026, unter Bezugnahme auf UBS-Research.

Kitco News, Silver price outlooks chopped as supply deficit forecasted to narrow dramatically in 2026 – UBS, 14. Mai 2026.

Investing.com, Berichterstattung über die Revision der UBS-Silberpreisprognosen, April/Mai 2026.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt ausschließlich eine persönliche Einschätzung auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen und jahrzehntelanger Beobachtung des Edelmetall- und Finanzmarktes dar. Er ist weder Anlageberatung noch eine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Gold, Silber oder anderen Anlageprodukten.