Während viele Anleger bei fallenden Goldpreisen nervös werden, haben die Notenbanken im zweiten Quartal genau das Gegenteil getan.
Sie kauften.
Und zwar kräftig.
Nach den aktuellen Daten des World Gold Council erhöhten Zentralbanken und andere offizielle Institutionen ihre Goldbestände zwischen April und Juni netto um 288,9 Tonnen. Im gleichen Quartal des Vorjahres waren es 177,9 Tonnen.
Das entspricht einem Anstieg von 62 Prozent und ist der höchste jemals erfasste Wert für ein zweites Quartal. Gegenüber dem schwachen ersten Quartal 2026 mit revidierten 56,5 Tonnen hat sich die Nachfrage sogar mehr als verfünffacht.
Die Zahl allein ist bemerkenswert.
Noch interessanter ist jedoch, wann gekauft wurde.
Die Notenbanken kauften in fallende Preise hinein
Gold erlebte im zweiten Quartal eine deutliche Korrektur. Vom Hoch zum Tief verlor der Preis zeitweise rund 16 Prozent.
Genau in diese Schwäche hinein bauten Notenbanken ihre Bestände aus.
Das unterscheidet sie deutlich von einem Teil der westlichen Finanzanleger. Gold-ETFs verzeichneten im zweiten Quartal netto Abflüsse von rund 44,8 Tonnen. Gleichzeitig kauften Zentralbanken netto 288,9 Tonnen.
Während also ein Teil des Finanzmarktes Gold verkaufte, nutzten staatliche Reservehalter niedrigere Preise zum Aufbau ihrer Bestände.
Das ist möglicherweise die wichtigere Information hinter den 288,9 Tonnen.
Denn Zentralbanken kaufen Gold normalerweise nicht mit der Frage, wo der Preis nächste Woche steht. Reservemanagement wird über wesentlich längere Zeiträume betrieben.
Polen und China fallen besonders auf
Größter gemeldeter Käufer war im zweiten Quartal erneut Polen.
Die polnische Zentralbank kaufte 51 Tonnen und erhöhte ihre Goldreserven bis Ende Juni auf 632 Tonnen. Allein im ersten Halbjahr kamen 82 Tonnen hinzu.
China kaufte im zweiten Quartal weitere 33 Tonnen. Das war der größte Quartalszuwachs der chinesischen Zentralbank seit Ende 2023. Die offiziell gemeldeten chinesischen Goldreserven stiegen damit auf 2.346 Tonnen.
Auch Zentralbanken aus Usbekistan, Kasachstan, Jordanien und Tschechien kauften.
Damit handelt es sich nicht um die Entscheidung eines einzelnen Landes, sondern um eine breiter verteilte Nachfrage.
Trotzdem sollte man die Zahl nicht überinterpretieren
Zum vollständigen Bild gehört auch eine Gegenbewegung.
Russland verkaufte im zweiten Quartal netto rund 22 Tonnen. Die Türkei reduzierte ihre Bestände um etwa vier Tonnen. Im gesamten ersten Halbjahr lagen die Nettozukäufe der Zentralbanken deshalb bei 345 Tonnen und damit auf dem niedrigsten Halbjahresniveau seit 2022.
Das verhindert eine zu einfache Schlagzeile wie:
„Alle Zentralbanken flüchten ins Gold.“
Das tun sie nicht.
Einige kaufen, andere verkaufen und wieder andere verändern ihre Bestände kaum.
Die ungewöhnliche Entwicklung liegt woanders.
Warum kaufen Zentralbanken Gold?
Der World Gold Council befragt Zentralbanken regelmäßig nach ihren Motiven.
In der jüngsten Umfrage erwarteten 89 Prozent der teilnehmenden Reserveverwalter, dass die weltweiten Goldreserven der Zentralbanken innerhalb der kommenden zwölf Monate weiter steigen werden.
Ein Rekordanteil von 45 Prozent erwartete sogar eine Erhöhung der eigenen Goldbestände.
Als Gründe spielen unter anderem Reserve-Diversifikation, geopolitische und finanzielle Unsicherheit sowie Golds Funktion als langfristiger Wertspeicher eine wichtige Rolle.
Und Gold besitzt für eine Zentralbank eine Eigenschaft, die in einer zunehmend fragmentierten Welt besonders interessant ist:
Gold ist keine Forderung gegenüber einem anderen Staat.
Eine US-Staatsanleihe ist eine Forderung gegenüber den Vereinigten Staaten. Eine ausländische Bankeinlage ist eine Forderung gegenüber einer Bank. Eine Fremdwährungsreserve hängt von einem Währungs- und Finanzsystem ab.
Physisches Gold im eigenen Besitz besitzt dieses Gegenparteirisiko nicht.
Das macht Gold nicht automatisch zur besseren Reserve.
Es macht Gold aber zu einer anderen Art von Reserve.
Und genau deshalb sind die 288,9 Tonnen so interessant
Der Goldpreis ist inzwischen wieder deutlich gestiegen.
Rückblickend wäre es deshalb leicht zu sagen, die Zentralbanken hätten einfach einen günstigen Preis genutzt.
So einfach ist es jedoch nicht.
Während des zweiten Quartals wusste niemand, ob Gold nach einem Rückgang von 10 oder 16 Prozent wieder steigen oder weitere 20 Prozent verlieren würde.
Trotzdem wurde gekauft.
Das zeigt zumindest eines:
Die strategische Nachfrage der Zentralbanken war offenbar nicht davon abhängig, dass Gold gerade neue Rekorde erreicht.
Niedrigere Preise haben die Nachfrage nicht zerstört. Sie scheinen sie eher unterstützt zu haben.
Das ist für die langfristige Betrachtung des Goldmarktes wesentlich interessanter als die tägliche Frage, ob Gold morgen 50 Dollar höher oder niedriger steht.
Die vielleicht spannendste Zahl steht deshalb nicht beim Goldpreis
288,9 Tonnen entsprechen rund 9,29 Millionen Feinunzen Gold.
Beim durchschnittlichen Goldpreis des zweiten Quartals von rund 4.506 Dollar entspricht das rechnerisch einem Metallwert von ungefähr 42 Milliarden Dollar.
Natürlich ist das im Verhältnis zu den weltweiten Währungsreserven keine gigantische Summe.
Aber Gold besitzt eine Besonderheit:
Es kann nicht beliebig geschaffen werden.
Die weltweite Minenproduktion lag im zweiten Quartal bei rund 966 Tonnen.
Die Nettozukäufe der Zentralbanken entsprachen damit rechnerisch knapp 30 Prozent der gesamten weltweiten Minenproduktion dieses Quartals.
Das bedeutet nicht, dass 30 Prozent der neu geförderten Barren unmittelbar in Zentralbanktresoren verschwanden. Gold wird weltweit aus bestehenden Beständen, Recycling, Minenproduktion und verschiedenen Handelsströmen bewegt.
Die Größenordnung zeigt aber, welchen Stellenwert die staatliche Nachfrage inzwischen besitzt.
Und genau deshalb dürften die Zentralbanken für den Goldmarkt weiterhin eine Rolle spielen, die vor wenigen Jahren noch deutlich weniger Beachtung fand.
Während täglich über Zinsen, Dollar, Iran, Aktienmärkte und die nächste Notenbanksitzung diskutiert wird, läuft im Hintergrund eine wesentlich langsamere Entwicklung:
Staatliche Reservehalter bauen weiterhin erhebliche Goldpositionen auf.
Nicht trotz fallender Preise.
Im zweiten Quartal offenbar gerade in die fallenden Preise hinein.
Das könnte die eigentlich bemerkenswerte Nachricht hinter den 288,9 Tonnen sein.
Quellen
World Gold Council, Gold Demand Trends Q2 2026, veröffentlicht am 30. Juli 2026: weltweite Goldnachfrage, Zentralbankkäufe, Goldangebot, ETF-Ströme und durchschnittlicher LBMA-Goldpreis.
World Gold Council, Central Banks – Gold Demand Trends Q2 2026: Nettozukäufe von 288,9 Tonnen, Käufe Polens, Chinas, Usbekistans, Kasachstans und weiterer Zentralbanken sowie Verkäufe Russlands und der Türkei.
World Gold Council, Central bank gold statistics: June 2026: öffentlich gemeldete Veränderungen der nationalen Goldreserven im ersten Halbjahr 2026.
KITCO, August 2026: Einordnung der Zentralbanknachfrage und der 288,9 Tonnen im zweiten Quartal.
Hinweis
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die persönliche Einschätzung des Verfassers auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen und seiner jahrzehntelangen Beobachtung des Edelmetall- und Finanzmarktes dar. Er ist weder Anlageberatung noch eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für Gold, Silber oder andere Finanzprodukte.