Wenn über Gold und die internationalen Finanzmärkte gesprochen wird, geht der Blick fast automatisch in die USA. Was macht die Fed? Was macht der Dollar? Was passiert an der COMEX?
Dabei passiert gerade in Asien etwas, das langfristig mindestens genauso wichtig werden könnte.
Hongkong will sich zu einem internationalen Handelszentrum für Gold und andere Rohstoffe entwickeln. Auf den ersten Blick klingt das nach einer weiteren Börsenmeldung. Tatsächlich geht es um deutlich mehr.
Um physisches Gold, Industriemetalle, Lagerhäuser, Lieferung, Clearing und darum, Geschäfte künftig stärker in chinesischen Renminbi abzuwickeln.
Hongkong plant mehr als einen neuen Goldmarkt
Mitte September hat die Regierung ihre Pläne noch einmal konkretisiert. Gold soll dabei der Ausgangspunkt für einen deutlich größeren Rohstoffmarkt sein.
Das bereits im Testbetrieb laufende zentrale System zur Abwicklung von Goldgeschäften soll im ersten Quartal 2027 offiziell starten. Gleichzeitig plant die Börse in Hongkong neue Gold Futures. Sie sollen in Renminbi gehandelt werden und eine physische Erfüllung ermöglichen.
Bemerkenswert ist die Begründung der Regierung: Hongkong erklärt ausdrücklich, dass dadurch der internationale Einfluss des Renminbi auf die Preisbildung bei Edelmetallen gestärkt werden soll.
Gleichzeitig werden Lagerkapazitäten ausgebaut. Weitere Händler und Finanzinstitute sollen nach Hongkong geholt werden. Auch die Zusammenarbeit mit der Shanghai Gold Exchange und der Shanghai Futures Exchange soll enger werden.
Am Ende soll möglichst viel an einem Standort möglich sein: lagern, handeln, liefern und abrechnen.
Das geht weit über die Einrichtung eines neuen Handelsplatzes hinaus.
Will Hongkong London und New York Konkurrenz machen?
Diese Frage liegt nahe.
London gehört zu den wichtigsten Zentren des internationalen Goldhandels. New York spielt mit seinen Terminmärkten eine wichtige Rolle bei Gold Futures und bei der internationalen Preisfindung.
Wenn Hongkong nun eigene Strukturen schafft, kann künftig ein größerer Teil des asiatischen Goldgeschäfts innerhalb Asiens stattfinden.
Von einem Angriff auf London oder New York zu sprechen, wäre trotzdem zu weitgehend.
Bei Industriemetallen arbeitet Hongkong sogar mit der London Metal Exchange zusammen. Hongkong gehört seit 2025 zu deren internationalem Lagerhausnetz. Mittlerweile stehen dort nach Regierungsangaben mehr als 60.000 Quadratmeter Lagerfläche zur Verfügung, in denen mehr als 20.000 Tonnen Metall lagern. Weitere Lagerhäuser sollen folgen.
Der Osten macht also nicht einfach die Tür zum Westen zu.
Er baut sich eine zweite Tür.
Weniger Abhängigkeit könnte das eigentliche Ziel sein
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Warum sollte eine Wirtschaftsregion dauerhaft darauf angewiesen sein, dass ein großer Teil des Handels und der Preisbildung ihrer Rohstoffe über Finanzplätze auf der anderen Seite der Welt läuft?
Hongkong schafft dafür eine Alternative. Gleichzeitig soll der Renminbi eine größere Rolle bei der Abwicklung und Preisbildung bekommen.
Damit geht es nicht nur darum, wo Gold oder Industriemetalle gehandelt werden. Es geht auch darum, in welcher Währung Geschäfte stattfinden und welche Finanzplätze dabei an Bedeutung gewinnen.
Wer über eigene Infrastruktur verfügt, besitzt mehr Handlungsmöglichkeiten.
Und was macht Europa?
Hier wird die Entwicklung auch für Europa interessant.
China ist längst einer unserer wichtigsten Handelspartner. Im zweiten Quartal 2026 kamen Waren im Wert von 153,6 Milliarden Euro aus China in die Europäische Union. Damit war China der größte Lieferant der EU außerhalb der Union.
Bei den Exporten sieht es anders aus. Dort sind die USA der deutlich wichtigere Markt.
Europa ist wirtschaftlich also eng mit beiden Seiten verbunden.
Gleichzeitig entstehen in Asien Strukturen, die über den normalen Warenhandel hinausgehen. Hongkong erweitert seine Rolle im Rohstoffhandel, Shanghai verfügt bereits über bedeutende Rohstoffbörsen und China versucht, den Renminbi international stärker zu etablieren.
Für Europa stellt sich damit weniger die Frage nach Ost oder West. Interessanter ist, welche eigene Position Europa in einer Welt einnehmen will, in der mehrere wirtschaftliche und finanzielle Zentren nebeneinander entstehen.
Und der Euro?
Europa bringt dafür durchaus Gewicht mit.
Der Euro ist weiterhin die zweitwichtigste internationale Währung. Bei der Handelsfinanzierung zeigt sich allerdings eine interessante Entwicklung.
Nach Angaben der Europäischen Zentralbank entfielen im März 2026 rund 6 Prozent der weltweiten Handelsfinanzierung über SWIFT auf den Euro. Der Renminbi kam bereits auf etwa 8 Prozent. Der Dollar lag mit rund 81 Prozent weiterhin weit vorne.
Von einer Ablösung des Dollars kann also keine Rede sein.
Aber die Gewichte verändern sich.
Deshalb lohnt es sich, Entwicklungen in Hongkong, Shanghai, Indien oder den Golfstaaten genauso aufmerksam zu verfolgen wie Entscheidungen der amerikanischen Notenbank.
Was bleibt von der Meldung?
Ob Hongkong irgendwann London oder New York als Goldhandelsplatz ernsthaft Konkurrenz machen kann, lässt sich heute nicht beantworten.
Fest steht jedoch, dass dort eine Infrastruktur entsteht, die Asien mehr Spielraum verschafft.
Das allein macht die Meldung bemerkenswert.
Denn möglicherweise erleben wir nicht den Wechsel von einem dominierenden Finanzzentrum zum nächsten. Denkbar ist vielmehr eine Welt, in der mehrere Zentren gleichzeitig an Bedeutung gewinnen.
Für Europa ergibt sich daraus eine ebenso einfache wie schwierige Frage:
Wie nutzen wir die wirtschaftlichen Beziehungen zu beiden Seiten und stärken gleichzeitig unsere eigene Position?
Hongkongs Pläne beantworten diese Frage nicht für Europa.
Sie zeigen aber, dass andere Wirtschaftsräume längst begonnen haben, ihre eigene Position für eine sich verändernde Weltwirtschaft auszubauen.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Kauf oder Verkaufsempfehlung für Gold, Silber oder andere Anlageprodukte dar.