Wenn große Banken neue Goldpreisziele veröffentlichen, werden daraus schnell Schlagzeilen. 4.500 Dollar, 5.000 Dollar oder sogar mehr. Solche Zahlen wirken präzise und vermitteln den Eindruck, als ließe sich der Goldpreis für die kommenden Monate einigermaßen zuverlässig berechnen.
Ein Blick zurück auf das Jahr 2025 zeigt allerdings, wie vorsichtig man mit solchen Prognosen umgehen sollte.
Denn auch damals hatten die Banken ihre Berechnungen. Und auch damals lagen sie daneben.
Was im August 2025 erwartet wurde
Mitte August 2025 kostete eine Feinunze Gold rund 3.300 bis 3.400 US-Dollar.
Gold hatte bereits stark zugelegt und viele Marktbeobachter stellten sich die Frage, wie viel Luft nach oben überhaupt noch vorhanden sei.
Die Prognosen großer Banken wirkten entsprechend zurückhaltend. UBS erwartete zu dieser Zeit einen Goldpreis von etwa 3.500 Dollar zum Jahresende. Andere große Häuser bewegten sich mit ihren Erwartungen überwiegend ebenfalls im Bereich von ungefähr 3.500 bis 3.800 Dollar.
Das klang damals durchaus plausibel.
Wer ausschließlich auf diese Prognosen schaute, konnte zu dem Schluss kommen: Der größte Teil der Bewegung dürfte bereits hinter uns liegen.
Doch der Goldpreis sah das anders.
Am Ende stand Gold deutlich höher
Bis zum Jahresende 2025 stieg Gold auf ungefähr 4.300 bis 4.370 Dollar je Feinunze, je nachdem, welcher internationale Referenzpreis zugrunde gelegt wird. Der World Gold Council nennt für den Jahresabschluss 4.368 Dollar.
Damit hatte Gold 2025 insgesamt rund 67 Prozent zugelegt. Es war eines der stärksten Goldjahre seit Jahrzehnten.
Die Prognosen aus dem Sommer lagen damit deutlich unter der tatsächlichen Entwicklung.
Das Interessante daran ist aber nicht, dass Analysten sich geirrt haben. Prognosen können falsch sein.
Interessanter ist, was danach passierte.
Der Goldpreis stieg und die Prognosen stiegen hinterher
Als Gold weiter nach oben lief, wurden auch die Kursziele angepasst.
UBS beispielsweise erhöhte seine Prognose im September von 3.500 auf 3.800 Dollar zum Jahresende. Zu diesem Zeitpunkt hatte Gold bereits neue Rekorde erreicht und notierte bei rund 3.670 Dollar.
Das Muster ist nicht ungewöhnlich:
Der Goldpreis steigt.
Analysten überprüfen ihre Annahmen.
Die Prognosen werden angehoben.
Steigt Gold weiter, werden die Prognosen erneut angepasst.
Das bedeutet nicht, dass die Arbeit der Analysten wertlos wäre. Im Gegenteil. Analysen großer Banken können wichtige Hinweise darauf geben, welche Faktoren professionelle Marktteilnehmer gerade beschäftigen.
Aber man sollte eine Prognose nicht mit einer Vorhersage verwechseln.
Und heute?
Heute diskutieren wir wieder über ein konkretes Kursziel.
Eine aktuelle Umfrage der London Bullion Market Association unter 16 professionellen Analysten kommt für Ende 2026 auf einen Durchschnitt von rund 4.500 Dollar je Feinunze.
Wichtig dabei: Die LBMA selbst sagt nicht voraus, dass Gold am Jahresende exakt dort stehen wird. Die 4.500 Dollar sind lediglich der Durchschnitt der Antworten der befragten Analysten.
Wie unsicher selbst die Fachleute sind, zeigt die Spannweite: Die niedrigste Jahresendprognose liegt bei 3.879 Dollar, die höchste bei 5.100 Dollar.
Das allein sollte schon zeigen, wie vorsichtig man mit einer einzelnen Zahl umgehen muss.
4.500 Dollar klingen heute fast langweilig
Das ist vielleicht der interessanteste Punkt.
Im August 2025 hätte ein Goldpreis von 4.500 Dollar noch außergewöhnlich hoch geklungen.
Heute, nur ein Jahr später, bewegt sich Gold bereits um 4.400 Dollar. Kitco wies Mitte August 2026 Preise von etwa 4.375 bis knapp 4.400 Dollar aus.
Wenn nun Analysten für Ende 2026 durchschnittlich 4.500 Dollar erwarten, klingt das zunächst nach kaum noch vorhandenem Potenzial.
Doch diese Betrachtung ist sehr kurzfristig.
Wer Gold im August 2025 betrachtet hat, sah einen Preis im Bereich von rund 3.300 Dollar.
Sollte Gold Ende 2026 tatsächlich bei 4.500 Dollar stehen, hätte sich der Preis innerhalb von gut 16 Monaten trotzdem um ungefähr ein Drittel erhöht.
Das ist alles andere als wenig.
Eine solche Entwicklung liegt deutlich über dem, was ein normales Spar- oder Festgeldkonto innerhalb dieses Zeitraums an Zinsen erwirtschaften könnte.
Gold zahlt zwar keine Zinsen. Aber genau deshalb ist dieser Vergleich interessant: Der Wertzuwachs entsteht allein durch die Veränderung des Goldpreises.
Warum sollten die Banken diesmal richtig liegen?
Die Frage ist bewusst etwas provokant gestellt.
Die Antwort lautet: Sie müssen diesmal überhaupt nicht richtig liegen.
Vielleicht steht Gold Ende 2026 tatsächlich bei ungefähr 4.500 Dollar.
Vielleicht sind es 5.000 Dollar.
Vielleicht erlebt Gold vorher eine kräftige Korrektur und beendet das Jahr deutlich darunter.
Das weiß heute niemand.
Auch keine Großbank.
Die Analysten können lediglich mit den Daten arbeiten, die heute bekannt sind.
Sie können Annahmen über Zinsen treffen, über den Dollar, über Inflation, Zentralbankkäufe, ETF-Nachfrage und geopolitische Entwicklungen.
Was sie nicht kennen, sind die Ereignisse der kommenden Monate.
Genau das hat 2025 eindrucksvoll gezeigt.
Trotzdem sind Prognosen nicht nutzlos
Es wäre falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass man Bankprognosen vollständig ignorieren sollte.
Ihr eigentlicher Nutzen liegt nur an einer anderen Stelle.
Interessanter als die Frage
„Welchen Goldpreis erwartet Bank X?“
ist häufig die Frage
„Warum verändert Bank X ihre Prognose?“
Werden höhere Zentralbankkäufe erwartet?
Ändert sich die Einschätzung der amerikanischen Zinspolitik?
Steigt die Nachfrage institutioneller Anleger?
Verändert sich der Dollar?
Nehmen geopolitische Risiken zu?
Genau dort steckt die interessante Information.
Die konkrete Zahl am Ende der Analyse ist dagegen nur das Ergebnis bestimmter Annahmen.
Ändern sich diese Annahmen, ändert sich auch das Kursziel.
Das Jahr 2026 zeigt das bereits wieder
Auch die Prognosen für 2026 wurden im Laufe des Jahres bereits mehrfach verändert.
Goldman Sachs beispielsweise hatte Ende 2025 für Dezember 2026 einen Goldpreis von 4.900 Dollar erwartet. Die Bank begründete dies unter anderem mit weiterhin hoher Zentralbanknachfrage und erwarteten Zinssenkungen der amerikanischen Notenbank.
Andere Häuser gingen zeitweise noch wesentlich höher. Anfang Februar 2026 wurden von UBS und J.P. Morgan sogar Ziele jenseits von 6.000 Dollar genannt.
Nach der starken Volatilität des Jahres wurden solche Erwartungen anschließend wieder angepasst.
Genau das zeigt, wie wenig sinnvoll es wäre, sich an einer einzelnen Zahl festzuhalten.
Was wir aus 2025 lernen können
Für mich ist deshalb nicht entscheidend, ob Gold am 31. Dezember 2026 bei 4.300, 4.500 oder 5.000 Dollar steht.
Viel interessanter ist die Entwicklung dahinter.
Vor einem Jahr galt ein Preis von 3.500 oder 3.800 Dollar zum Jahresende noch als durchaus optimistische Erwartung.
Wenige Monate später stand Gold bereits deutlich über 4.000 Dollar.
Heute wird über 4.500 Dollar diskutiert, als wäre diese Marke beinahe selbstverständlich.
Unsere Wahrnehmung hat sich innerhalb eines Jahres erheblich verschoben.
Und genau deshalb sollte man immer vorsichtig werden, wenn eine neue Kursprognose so dargestellt wird, als wäre damit die Zukunft des Goldpreises bereits beschrieben.
Mein Fazit
Banken verfügen über umfangreiche Daten, professionelle Analysten und ausgefeilte Modelle.
Trotzdem können sie nicht wissen, was in den kommenden Monaten passiert.
Das Jahr 2025 hat das eindrucksvoll gezeigt. Die damaligen Prognosen wurden vom tatsächlichen Goldpreisanstieg deutlich überholt und anschließend Stück für Stück nach oben angepasst.
Ob sich diese Geschichte 2026 wiederholt, wissen wir nicht.
Die aktuelle Erwartung von rund 4.500 Dollar kann sich als erstaunlich genau herausstellen. Sie kann aber genauso zu niedrig oder zu hoch sein.
Deshalb sind Goldpreisprognosen für mich vor allem eines:
Momentaufnahmen.
Sie zeigen uns, was Analysten unter den heutigen Voraussetzungen für wahrscheinlich halten.
Mehr nicht.
Für Anleger ist deshalb der Blick auf die langfristigen Einflussfaktoren wichtiger als eine einzelne Jahresendzahl. Zentralbankkäufe, Staatsverschuldung, Zinsen, Währungen, geopolitische Risiken und das Vertrauen in das Finanzsystem verschwinden nicht, nur weil eine Bank ein neues Kursziel veröffentlicht.
Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus dem vergangenen Jahr:
Nicht der Goldpreis muss sich an die Prognosen der Banken halten. Die Banken müssen ihre Prognosen irgendwann an den Goldpreis anpassen.
Quellen
World Gold Council: Gold Market Commentary, Rückblick Dezember und Gesamtjahr 2025.
Reuters: UBS erhöht Goldpreisziel im September 2025 auf 3.800 US-Dollar.
Reuters: Goldman Sachs, Prognose von 4.900 US-Dollar für Dezember 2026.
Reuters: Goldprognosen von UBS und J.P. Morgan Anfang 2026.
Kitco News: LBMA Snapshot Survey, August 2026.
Kitco: Goldpreis und Marktübersicht Mitte August 2026.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Edelmetallen dar.