Am Edelmetallmarkt ist es ruhig geworden. Das merkt man an den Kursen, aber auch bei uns im täglichen Geschäft. Die Nervosität der vergangenen Monate hat nachgelassen und gerade beim Silber sieht die Situation wesentlich entspannter aus als noch Ende vergangenen Jahres. Die großen Handelsplätze sind wieder besser versorgt, die damaligen Stresszeichen sind verschwunden und im Moment deutet wenig darauf hin, dass sich die Ereignisse des vergangenen Winters unmittelbar wiederholen.
Eigentlich eine angenehme Situation. Trotzdem lässt mich diese Ruhe nicht ganz los, denn während wir auf relativ entspannte Edelmetallmärkte schauen, passiert um uns herum ziemlich viel.
Silber muss schließlich nicht nur irgendwo in einem Tresor liegen, sondern wird in der realen Welt gebraucht: in Stromnetzen, Elektronik, Photovoltaik, Fahrzeugen und neuen Technologien. Deshalb interessiert mich nicht nur, wie viel Metall gerade in London oder New York liegt, sondern zunehmend auch, was außerhalb dieser Handelsplätze geschieht.
Und da fällt China auf.
Nicht weil ich China zum Vorbild erklären möchte, sondern weil sich dort eine Entwicklung beobachten lässt, die für Rohstoffe wichtig werden könnte. China versucht nicht nur, sich Rohstoffe zu sichern, sondern baut gleichzeitig die Industrie auf, die diese Rohstoffe verarbeitet. Bei Elektroautos und Batterien kann man das inzwischen mit eigenen Augen sehen. Während wir in Deutschland noch darüber diskutieren, wie viele Elektroautos irgendwann auf unseren Straßen fahren sollen und den Markt mit Vorgaben und Förderungen in diese Richtung bewegen, stehen in China längst enorme Produktionskapazitäten für Batterien, Fahrzeuge und deren Vorprodukte.
Ob man Elektroautos mag oder nicht, spielt für Silber, Kupfer und andere Rohstoffe keine Rolle. Die Fabriken existieren und benötigen Material.
Dazu passt, dass China deutlich mehr Silbererz und Silberkonzentrat importiert. Gleichzeitig kommt weiterhin raffiniertes Silber aus China auf den Weltmarkt. Noch reicht das offenbar zusammen. Interessant wird es, wenn der eigene industrielle Bedarf weiter wächst.
Daraus eine unmittelbar bevorstehende Silberknappheit abzuleiten, wäre unseriös. Dafür gibt es momentan keine belastbaren Hinweise. Genauso wenig sollten wir aber davon ausgehen, dass gut gefüllte Lager an den westlichen Handelsplätzen automatisch etwas über die langfristige Versorgung aussagen.
Beim Gold sieht die Geschichte anders aus. Gold wird nicht in vergleichbaren Mengen von der Industrie verbraucht. Hier interessiert mich deshalb vor allem das Verhalten der Zentralbanken. Sie haben ihre Goldbestände in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut, China eingeschlossen. Offensichtlich spielen dabei andere Überlegungen eine Rolle als die Frage, ob Gold am kommenden Dienstag ein paar Dollar höher oder niedriger steht.
Genau darin sehe ich die Verbindung zwischen beiden Edelmetallen. Beim Silber verändert sich die industrielle Welt, die diesen Rohstoff benötigt. Beim Gold verändert sich die Bedeutung von Reserven und Absicherung. Beides vollzieht sich weitgehend unabhängig davon, ob an der Börse gerade Aufregung herrscht.
Deshalb empfinde ich die momentane Ruhe am Edelmetallmarkt tatsächlich als angenehm. Ich würde sie nur nicht mit Entwarnung verwechseln. Dafür verändert sich außerhalb der Börsen gerade zu viel.
Während wir im Westen noch sehr stark auf Kurse, Zinsen und die nächste Entscheidung der Notenbanken schauen, werden andernorts Rohstoffe gesichert, Verarbeitungskapazitäten aufgebaut und Goldreserven erweitert.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, wo Gold und Silber morgen stehen, und uns häufiger fragen:
Wer wird in zehn Jahren die Rohstoffe, die Verarbeitungskapazitäten und die Reserven besitzen, über die wir heute noch hauptsächlich als Börsenkurse sprechen?
BCI-Hinweis: Dieser Kommentar gibt meine persönliche Einschätzung und Marktbeobachtung wieder. Er stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für Edelmetalle oder andere Anlageprodukte dar.