Eigentlich müsste es eine schlechte Nachricht für Silber sein: Die Solarindustrie benötigt immer weniger Silber.
Über Jahre galt der weltweite Ausbau der Photovoltaik als einer der wichtigsten Wachstumstreiber der industriellen Silbernachfrage. Mehr Solarmodule bedeuteten mehr Silberverbrauch. Doch diese einfache Rechnung funktioniert inzwischen nicht mehr.
Die Hersteller haben reagiert. Silber ist teuer, deshalb wird der Verbrauch je Solarzelle reduziert. Leiterbahnen werden dünner, Produktionsverfahren effizienter und Silber teilweise durch andere Materialien ersetzt.
Nach den aktuellen Zahlen von Metals Focus und dem Silver Institute benötigte die Photovoltaikindustrie 2025 rund 186,6 Millionen Feinunzen Silber. Das waren etwa 6 Prozent weniger als im Vorjahr.
Für 2026 wird mit einem weiteren Rückgang gerechnet. Die gesamte industrielle Silbernachfrage soll um etwa 2 Prozent auf rund 650 Millionen Feinunzen sinken. Als wesentlichen Grund nennt das Silver Institute Einsparungen und Substitutionen in der Photovoltaikindustrie.
Das müsste eigentlich für Entspannung am Silbermarkt sorgen.
Trotzdem das sechste Defizitjahr
Genau das macht die aktuelle Entwicklung interessant.
Metals Focus erwartet für 2026 weiterhin ein Defizit von rund 46,3 Millionen Feinunzen. Es wäre bereits das sechste Defizitjahr in Folge.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie viel Silber die Solarindustrie benötigt. Interessanter ist, weshalb der Markt trotz des sinkenden Verbrauchs in diesem wichtigen Bereich weiterhin nicht ins Gleichgewicht kommt.
Ein Grund liegt in anderen industriellen Anwendungen.
Silber verfügt über die höchste elektrische Leitfähigkeit aller Metalle und wird deshalb überall dort eingesetzt, wo zuverlässige elektrische Kontakte und hohe Leistungsfähigkeit benötigt werden.
Das Silver Institute nennt insbesondere Rechenzentren und KI-Infrastruktur, Automobilindustrie und den Ausbau der Stromnetze als wichtige strukturelle Wachstumstreiber.
Gerade dieser Bereich könnte langfristig an Bedeutung gewinnen. Mehr Rechenzentren, Elektromobilität und Elektrifizierung bedeuten nicht nur einen höheren Strombedarf. Der Strom muss erzeugt, verteilt, geschaltet und verarbeitet werden. Silber findet in dieser Infrastruktur zahlreiche Anwendungen.
Warum produzieren die Minen nicht einfach mehr?
Auf der Angebotsseite besitzt Silber eine Besonderheit.
Ein erheblicher Teil der weltweiten Förderung stammt nicht aus reinen Silberminen. Silber entsteht vielmehr als Nebenprodukt beim Abbau von beispielsweise Blei, Zink, Kupfer oder Gold.
Ein steigender Silberpreis führt deshalb nicht automatisch zu einer entsprechend höheren Silberproduktion. Die Förderentscheidung einer Kupfer- oder Zinkmine richtet sich in erster Linie nach ihrem Hauptprodukt.
Metals Focus erwartet für 2026 daher trotz des hohen Silberpreisniveaus praktisch keine Ausweitung der weltweiten Minenproduktion.
Das begrenzt die Geschwindigkeit, mit der das Angebot auf Veränderungen der Nachfrage reagieren kann.
Woher kommt das fehlende Silber?
Ein Angebotsdefizit bedeutet ausdrücklich nicht, dass kein Silber mehr vorhanden ist.
Die Differenz zwischen laufendem Angebot und Nachfrage kann durch Recycling und vorhandene oberirdische Bestände ausgeglichen werden.
Genau dieser Punkt wird nach mehreren Defizitjahren interessant.
Solange ausreichend mobilisierbare Bestände vorhanden sind, kann ein Defizit ausgeglichen werden. Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie viele Tonnen Silber theoretisch irgendwo existieren, sondern wie viel davon tatsächlich zu marktgerechten Preisen verfügbar ist.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Silber in langfristigen Anlagebeständen, industriellen Produkten oder anderen gebundenen Beständen steht dem Markt nicht zwangsläufig kurzfristig zur Verfügung.
Eine vermeintlich schlechte Nachricht mit einer interessanten Konsequenz
Dass die Solarindustrie weniger Silber benötigt, ist zunächst keine positive Nachricht für die Silbernachfrage. Man sollte sie deshalb auch nicht als solche darstellen.
Interessant ist vielmehr, was trotz dieser Entwicklung übrig bleibt:
Die Photovoltaikindustrie spart Silber, die gesamte industrielle Nachfrage soll 2026 etwas zurückgehen und Recycling trägt zusätzlich zum Angebot bei. Dennoch erwartet Metals Focus erneut ein Defizit.
Damit verändert sich auch die Geschichte hinter Silber.
Die zukünftige Nachfrage hängt nicht mehr allein am starken Wachstum der Photovoltaik. Stromnetze, Fahrzeuge, Elektronik, Rechenzentren und KI-Infrastruktur gewinnen als Verbraucher an Bedeutung. Gleichzeitig kann die Minenproduktion nur begrenzt auf höhere Preise reagieren.
Für die weitere Entwicklung dürfte deshalb eine Frage zunehmend wichtiger werden:
Wie lange können vorhandene oberirdische Bestände die Lücke zwischen laufendem Angebot und Nachfrage ausgleichen?
Diese Frage lässt sich heute nicht seriös mit einem konkreten Datum beantworten. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt aber, warum ein Blick auf den physischen Silbermarkt wesentlich mehr Informationen liefern kann als die tägliche Bewegung des Börsenpreises.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Silber oder anderen Finanzprodukten dar.
Quellen:
Silver Institute / Metals Focus, World Silver Survey 2026
Silver Institute, Global Silver Investment to Remain Strong in 2026 Against the Backdrop of a Sixth Consecutive Annual Market Deficit
Silver Institute, Marktaktualisierungen 2026